Untermnabelschau
Positionen weiblicher Kunst in der „Wunderkammer“ |
Süddeutsche Zeitung, 22. Mai 2009

„Eigentlich bedeutet es doch Brücke“, wiegelt die Kunststudentin Carmen Sophia Runge aka Sophia Süßmilch (Jahrgang 1983) ab, wenn die Frage nach der Namensgebung ihres Projekts „Perineum 2000“ auftaucht. Medizinisch Interessierte kennen den Begriff vielleicht aus der Beckenbodengymnastik, laut Duden ist es die Weichteilebrücke, ein Hinweis auf das (vermeintlich) Sanfte alles Weiblichen: Diese Plattform also gründete Süßmilch gemeinsam mit Tina Trümmer (1983 als Anna Isabell Groß geboren) und Isabelle Pyttel (1987) vornehmlich, um jungen Künstlerinnen Raum und Stimme zu geben und das erste, sehr beeindruckende Ergebnis liegt jetzt vor.

Zur „Wunderkammer“ haben die drei Künstlerkuratorinnen den engen Ausstellungsschlauch der Färberei umfunktioniert und präsentieren in kleinen Guckkästen, weißen Holzkuben oder unter Glassturz die Arbeiten von insgesamt 60 Künstlerinnen. Elisabeth Baumgartner, voriges Jahr an der Münchner Akademie diplomiert, reminisziert die Kleinigkeitsarbeiten einstiger Kuriositätenkabinette: Ihr archaisch abstrahiertes Figurenpärchen, in Schulkreide geschnitzt, liegt unprätentiös in einer Pappschachtel aufgebahrt. Daneben erinnert die Arbeit „Sommerdepression“ von Trümmer ans Fingernägelkauen verzweifelter Tage und präsentiert das noch teilweise rot lackierte Ergebnis wie die Hornabsonderung eines seltenen Paradiesvogels unter Glas. Nina Märkl (1979) lässt verklebte Nachtflügler auf einem Miniatur-Karussell rotieren und Isabelle Pyttel hat ein echtes Tierembryo aufgetrieben.

Doch nicht alle Werke klassifizieren sich so direkt als Scientifica. Wenn die Wiener Studentin Bernadette Anzengruber ihre Wasserballonbrüste so lange durch angestrengtes Hüpfen auf und nieder schnellen lässt, bis sie platzen, visualisiert die Österreicherin auch ihr eigenes Staunen gegenüber einer dem Femininen aufgepfropften Ästhetik. Und auch wenn der Film in der mit holzgemasertem PVC beklebten Strandkorbvariation der Braunschweiger Studentin Franziska Metzger eigentlich nur Hübsches zeigt - ein Rehkitz im bläulichen Nachtlicht, lichte Bergwelten oder zwei sich küssende Marionetten - schwingt im kinderliedartigen Singsang doch Böses mit: „Ich halte meinen Fußzeh ins gewaltige Getös, mein Fleisch ist ganz porös.“ Wem das insgesamt zu viel Körperlichkeit bedeutet, der sollte jetzt aufhören zu lesen. Eine der Künstlerinnen, soeben Mutter geworden, musste die Vernissage absagen. Die Dammschnittnaht war geplatzt. Jetzt dürfte jeder wissen, was „Perineum“ bedeutet.

Evelyn Pschak